Rechtsradikale in Saalfeld

Saalfeld, eine Kleinstadt in Thüringen. Ein Kiosk im Stadtteil Gorndorf. An den Wänden Hakenkreuz - Schmierereien. Seit Jahren gilt das Wohngebiet als ein Zentrum der Rechten.

Verkäuferin im Kiosk:
"Die haben sich halt hier draußen gesammelt und haben Naziparolen gesungen und haben Krach gemacht und Dreck gemacht. Aber getan haben die uns nix."

Nur ein paar hundert Meter weiter - ein Treffpunkt orientierungsloser Jugendlicher. Rechtes Gedankengut greift gerade bei ihnen um sich.

Jugendlicher:
"Das wird immer schlimmer hier in Saalfeld - Gorndorf, in ganz Deutschland. Das wird nie aufhören mit den Ausländern. Und der Staat sagt ja noch: kommt 'rein, alles rein. Das find' ich halt total hohl irgendwo."

Saalfeld - Gorndorf - ein Neubaugebiet aus DDR-Zeiten. Die Stimmung ist gereizt. Provokationen von Rechten gehören hier zum Alltag.

Umfrage:
Frau:
"Die Fenster waren vollgeklebt mit: Es lebe Rudolf Heß. Das war katastrophal, für mich jedenfalls, empörend."

Mann:
"Gewisse Angst macht sich breit. Es wird ja nicht weniger, es wird ja immer mehr."

Frau:
"Als ich jetzt mal abends um sechs heimgegangen bin, daß mich da jemand um zwei Mark angehalten hat, und wo ich gesagt habe, ich hab' kein Geld, da hat er gesagt: Du altes Schwein, dich find' ich noch. So, das war's."

Der ehemalige Kripobeamte und Neonazi - Experte Bernd Wagner beobachtet schon seit DDR-Zeiten die ostdeutsche rechte Szene; denn Saalfeld hält er für eine Hochburg der Neonazis.

Bernd Wagner, Zentrum Demokratische Kultur Berlin:
"Der Großraum Ostthüringen Rudolstadt/ Saalfeld und umliegende Ortschaften sind schon seit etwa zehn Jahren Schwerpunkt rechtsextremer Bestrebungen, sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik. Es gab sehr starke Aufbauaktivitäten, Kontakte auch zu Rechtsextremen in den alten Bundesländern. Und man hat gezielt versucht, diesen Großraum als Druckzone innerhalb des Landes Thüringen, natürlich auch mit Strahlungswirkung auf Sachsen auszubauen."

Eine neue Qualität strebt die organisierte Neonazi - Szene in Heilsberg, einer 200-Seelen-Gemeinde unweit von Saalfeld an. Im April '97 bekam die Dorfgaststätte einen neuen Pächter. Seitdem tut sich Unheimliches in dem kleinen Ort. Abend für Abend treffen sich Männer in Bomberjacken und Springerstiefeln in der Kneipe. Angst geht um im Dorf.

Umfrage:
Mann:
"Geht doch keiner 'rein!"
Frage:
"Warum nicht?"
Mann:
"Ja, warum nicht? Wer geht denn da noch 'rein? Wenn man 'reinkommt, nehm' ich an, daß da Hitlerbilder sind und Hakenkreuzfahnen und so weiter. Wer geht denn da 'rein? Niemand."

Frau:
"Am besten 'raushalten."
Frage:
"Haben Sie Angst?"
Frau:
"Ja, ja. Angenommen, ich würde jetzt irgendwas weitersagen oder was. Man weiß nicht, was kommt. Da können Sie jeden fragen. Die haben alle Angst."

Im Oktober '97 dann der Schock: Bei einer Großrazzia stürmt die Polizei die Kneipe.
56 Rechtsradikale werden verhaftet. Beschlagnahmt: das größte Waffenlager, das je in Thüringen gefunden wurde. Messer, Äxte, Baseballschläger. Der Heilsberg hat sich zu einem Zentrum der rechten Bewegung entwickelt - unter den Augen des Thüringer Verfassungsschutzes.

Helmut Roewer, Präsident Verfassungsschutz Thüringen:
"Es ist in der Tat so, daß jegliche Szene immer irgendwelche örtlichen Schwerpunkte braucht, wo sie sich trifft. Das ist auch ganz normal. Solange man sich dort trifft, weiß man, wo diese Menschen sind. Das ist uns nicht immer ganz unlieb."

Bernd Wagner Zentrum Demokratische Kultur Berlin:
"Man hat heute gar nicht mehr die Vorstellung in rechtsextremen Kreisen, sich auf den Untergrund zu beschränken. Man will öffentliche Akzeptanz erzeugen. Man will soziale Räume, d. h. Gaststätten, Schulen, öffentliche Straßen, Wohngebiete. Das will man zunehmend dominieren. Und da reicht das Argument nicht hin, zu sagen: Wir wissen ja dann, wo sie sind. Das hilft keinem weiter und beschädigt die Demokratie in eklatanter Weise."

Die Folge: immer mehr organisierte rechte Übergriffe. Für diesen Jugendlichen und seine Freundin begann der Alptraum in einer Disko in Gräfenthal bei Saalfeld, als fünfundzwanzig Rechte das Lokal stürmten.

Opfer:
"Auf dem Rausweg haben sie meiner Freundin halt Tränengas in die Augen gesprüht und auch Tritte versetzt. Und ganz draußen haben sie mich nachher zusammengeschlagen, mit halt 'nem Baseballschläger und Tritte in's Gesicht, auf den Kopf, in den Magen."

Die Polizei will zu den Vorfällen keine Stellung nehmen. Die Opfer fühlen sich allein gelassen.

Opfer:
"Ich fühl' mich halt hier oben überhaupt nicht mehr sicher. Und das liegt halt dadran, daß die Polizei so wenig macht und alles so lange dauert. Es werden keine gerechten Strafen gemacht, von halt, von der Justiz und so. Es bleibt alles so, wie's ist."

Auch in Heilsberg lassen sich die Behörden Zeit. In der Gaststätte treffen sich nach wie vor ungestört Rechtsradikale aus ganz Thüringen. Seit Monaten läuft eine Räumungsklage gegen den Betreiber - bislang ohne Ergebnis. Die Neonazi - Hochburg bleibt praktisch ein gesetzesfreier Raum.

Bernd Wagner Zentrum Demokratische Kultur Berlin:
"Rudolstadt, Saalfeld ist in der Tat ein strategischer Punkt, wo die Rechtsextremisten aus dem gesamten Bundesgebiet große Hoffnungen 'draufsetzen, um vor allen Dingen über die Entwicklung der Vernetzungsstrukturen innerhalb dieses Gebietes große Akzeptanzen im Jugendbereich als auch Akzeptanz in der Bevölkerung zu erzeugen. Wenn da keine Grenzen gesetzt werden, sowohl durch das Strafrecht als auch durch die demokratische Öffentlichkeit, entwickelt sich das in Gestalt eines Selbstläufers. Und das kriegt man nicht mehr zurück."

Sendung vom 26.01.1998
Bericht: Martin Wagner