Die Synagoge und eine üble Theorie (Süddeutsche Zeitung, 30.04.2000)

 

Schon für die erste Panne gibt es kaum eine Erklärung. Kurz nach dem Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge am vorvergangenen Donnerstag brachten Ermittler eine haarsträubende Theorie in Umlauf. Für das Attentat auf das jüdische Gotteshaus könnten auch linke Extremisten verantwortlich sein, mutmaßten sie öffentlich. Möglicherweise hätten linke Provokateure damit die rechtsextreme Szene belasten wollen. Die Begründung für die ungebremst über die Medien verbreitete Spekulation war dünn. Sie rührte allein aus der Irritation über das Bekennerschreiben. Darin bekannte sich eine bis dahin unbekannte Gruppe "Die Scheitelträger" zur Tat. Angeblich benutzen linke Jugendliche gelegentlich diesen Ausdruck, wenn sie von Rechtsextremen sprechen.

 

Der Verdacht gegen Linksextreme passte in das Denkmuster auf Seiten der Thüringer Landesregierung. Wenn Gewerkschafter, Kirchenkreise und linke Politiker in Thüringen in den vergangenen Monaten vor Rechtsextremismus gewarnt haben, wurde ihnen vorgeworfen, dass sie das Problem hochreden, um sich zu profilieren. Innenminister Christian Köckert betonte derweil stets, dass Extremismus in jeglicher Form zu bekämpfen sei.

 

Als die Theorie der möglichen linken Urheberschaft des Anschlags veröffentlicht wurde, gewann der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Thüringens, Wolfgang Nossen, den Eindruck, dass man sie richtig "lieb gewonnen" hatte. "Donnerwetter, habe ich gedacht, die möchten doch zu gerne haben, dass es von links ist", sagte Nossen der SZ.

 

Erst durch das Geständnis der jungen Rechtsextremen wurde am Donnerstag eine Ermittlungspanne offenkundig. Am Tatort übersahen die Ermittler einen zweiten Brandsatz auf dem Dach der Synagoge. Patzig entschuldigte Köckert die Panne damit, dass man es versäumt habe, die Synagoge zu überfliegen. Das wäre gar nicht nötig gewesen: Das Gebäude ist vier Meter hoch.

 

Heftige Rüge für den Oberbürgermeister

 

Zwischen den Parteien im Thüringer Landtag ist unterdes ein heftiger Streit über den Umgang mit dem Rechtsextremismus entbrannt. Die regierende CDU will sich nicht an Menschenketten oder Mahnwachen beteiligen, bei denen die zweitstärkste Partei im Landtag, die PDS, zu den Initiatoren zählt. Die PDS sei auch eine extremistische Partei, lautet die Erklärung. Als am Donnerstagabend fast 300 Erfurter eine Menschenkette bildeten, kamen Spitzenpolitiker von PDS und SPD. Als prominentester Christdemokrat reihte sich Erfurts Oberbürgermeister Manfred Ruge ein. Er hatte sich auch zuvor an einer Mahnwache an der Synagoge beteiligt und wurde dafür von der CDU-Spitze dem Vernehmen nach heftig gerügt.

 

Von der Landesregierung kam niemand zur Menschenkette. Nossen irritiert, dass es - da die Tat nun aufgeklärt ist - schon wieder verniedlichende

Äußerungen gegeben habe. "Vielleicht hat man noch immer nicht begriffen", meint er, "dass man hier Flagge zeigen muss.

 

 

Jens Schneider

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