Länderspiegel
29. April 2000, ZDF
Moderation: Am 20. April, dem Geburtstag
Adolf Hitlers, kommt es regelmäßig zu rechtsextremen Ausschreitungen. Trotzdem
konnten Rechtsradikale dieses Jahr am 20. April unbemerkt Brandbomben auf die
Erfurter Synagoge werfen. Und das, obwohl bereits im vergangenen Jahr, am
gleichen Ort, Skinheads die jüdischen Gläubigen bedroht hatten und obwohl die
Jüdische Gemeinde seit langem ein besseres Überwachungssystem gefordert hatte.
Nun sind die Täter zwar inzwischen gefasst und geständig, doch was bleibt ist
die Frage, ob man wirklich alles getan hat, um den Anschlag zu verhindern. Aus
Thüringen berichtet Andreas Künast.
Jeden Tag und jede Nacht vor der Synagoge
in Erfurt, junge Leute schieben Wache seit über einer Woche nun. Der Polizei
wollen sie den Schutz des Hauses nicht allein überlassen. Seit dem
Brandanschlag sind viele in Erfurt nicht mehr gut auf die Staatsmacht zu
sprechen.
Schüler: "24 Stunden am Tag versuchen
wir zumindest in den Ferien noch hier zu sein und in der Zeit ist jetzt auch
irgendwie ständig Polizei anwesend, beobachtet uns."
Die Kritik an den Thüringer Behörden wird
immer lauter, obwohl die Polizei den Anschlag schnell aufgeklärt hat. Die
mutmaßlichen Täter waren dumm genug, ausreichend Fingerabdrücke zu
hinterlassen, zwei junge Neonazis, die jetzt in Haft sitzen. Ihr Anschlag war
der traurige Höhepunkt einer traurigen Kette von Taten Rechtsradikaler, die in
Thüringen scheinbar dreister werden.
Christoph Matschie: "Mein Eindruck
ist, man hat in den vergangenen Monaten, als es die ersten Aufmärsche gab, die
Sache zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Ich hoffe, dieses wird jetzt
korrigiert und man nimmt das Problem mit dem notwendigen Ernst."
Auch von den Erfurtern, die diese Woche
fast täglich demonstrierten, sind viele besorgt, dass die Neonazis Thüringen zu
ihrem neuen Aufmarschgebiet machen.
Die Zahl rechter Straftaten hat im letzten
Jahr zugenommen. Die Jüdische Gemeinde z. B. fragte wieder häufiger nach
Polizeischutz. Die Parteien aber sind tief zerstritten. Zur großen
Menschenkette am Donnerstag kam kein einziger Vertreter der CDU-Landesregierung
und zwar deshalb, weil zu den Organisatoren auch die PDS gehörte.
Bodo Ramelow: "An dieser Stelle hat
die Landesregierung ein links-rechts-Schema im Kopf, dass dazu führt, dass man
die rechte Gefahr nicht ausreichend sieht, und an der Stelle muss ich sagen,
die Landesregierung tut aus meiner Sicht nicht genug, die Gefahr ist seit
Jahren bekannt, sie ist angewachsen und in den letzten Monaten, seitdem wir den
Innenminister Köckert haben, werden die Nazis in Thüringen einfach frech."
Vor allem der NPD sind in letzter Zeit
einige spektakuläre Aktionen gelungen. Als Ende Februar 500 Kahlgeschorene
durch Erfurt marschierten,
waren Polizei und Verfassungsschutz
überrascht. Sie hatten nur mit 50 gerechnet.
Innenminister Köckert: "Das Problem
ist in den letzten Jahren angestiegen, auch in Thüringen deutlich angestiegen.
Wir denken, dass wir adäquate Mittel zu seiner Bekämpfung haben, aber das geht
nicht von heute auf morgen, auch wenn es manche Leute den Eindruck erwecken,
als wäre das möglich."
Heute Mittag in der Nähe von Eisenach. Die
Führung der Thüringer NPD bereitet den 1. Mai vor. Alle beantragten Aufmärsche
sind von den Behörden verboten worden. Nun klagen die Braunen vor Gericht,
ermutigt durch frühere Erfolge.
Tino Brandt (Pressesprecher NPD
Thüringen): "Es wird eben notfalls die Verfahren bis zur letzten Instanz
durchgefechtet und die Polizei Thüringen hat vor allem im Kampf gegen den
Rechtsextremismus, wenn ich nur auf den Bereich Saalfeld/Rudolstadt u. ä. mich
beziehe, in den letzten Jahren fast alle Verfahren verloren, die sie politisch
angestrebt hatte."
Politische Anstrengungen in der Woche nach
dem Brandanschlag. Noch einmal will Thüringen nicht verlieren.
Interview mit Ministerpräsidenten Vogel
Herr Vogel, Sie haben den Anschlag auf die
Erfurter Synagoge inzwischen scharf verurteilt. Doch warum erst so spät, warum
erst sechs Tage nach der Tat?
An der Stunde, wo die Nachricht kam, ist
ein Mitglied der Landesregierung am Tatort erschienen. Es haben sich mehrere
Minister täglich der Sache angenommen. Ich habe lediglich erst nach einigen
Tagen den Repräsentanten der Juden in Thüringen aufgesucht und nach diesem
Gespräch mich öffentlich geäußert. Es kann keine Rede sein, dass wir erst nach
sechs Tagen korrigiert haben und uns gemeldet haben, das ist so einseitig wie
der Bericht, den sie eben gesendet haben, auch einseitig war.
Ja, warum hat denn niemand aus der
CDU-Landesregierung an der Menschenkette in Erfurt teilgenommen?
Weil wir uns vorbehalten, selbst zu
bestimmen, in welcher Weise wir gegen solche unglaublichen Vorkommnisse, wie
den Anschlag auf die Synode (so im Original!) protestieren und weil wir uns das nicht von anderen vorschreiben lassen.
Wir haben mehr wie andere Parteien in Thüringen seit Jahren uns dem Thema
Extremismus angenommen und werden das auch weiter tun, aber wir lassen uns
nicht von irgendjemand bestellen, wohin wir zu kommen und wohin wir zu gehen
hätten.
Sie haben ja gesagt, dass der Anschlag im
krassen Gegensatz zum geistigen Klima in Thüringen steht, trotzdem die Zahl der
Rechtsextremisten in Thüringen ist angestiegen. Da kann man sich doch nicht
beruhigt zurücklegen und sagen, man hat alles richtig gemacht?
Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Kenntnisse
haben ...
Na ja, da gibt es ja eine Studie darüber.
.. aber das Klima, das Klima im Freistaat
Thüringen ist jedenfalls ein völlig anderes. Das habe ich ja gesagt, dass das
so ist. Und ich will Ihnen dafür ein völlig unwiderlegbares Beweismittel dafür liefern.
Das ist ja richtig. Nehmen Sie einmal bitte die Wahlergebnisse der letzten 24
Monate. Es gibt kaum ein Land in Deutschland, wenn es überhaupt eines gibt, wo Rechtsradikale
weniger Zustimmung in der Bevölkerung gefunden haben als im Freistaat Thüringen,
ganz im Unterschied etwa zu Nachbarländern von Thüringen. Bei uns haben weder
bei Kommunalwahlen noch bei Landtagswahlen noch bei Bundestagswahlen radikale
Truppen auch nur annährend fünf Prozent erreicht.
Es gibt kein derartiges Klima.
Herr Vogel, trotzdem steigt ja die Zahl
der Rechtsextremisten. Wie erklären Sie sich das?
Woher wissen Sie das denn?
Ja, es gibt eine belegbare Studie darüber.
Ja, ich weiß nicht, welche Studien Sie
lesen, aber wenn Sie die verantwortlichen Politiker in Thüringen hören, müssen
Sie beispielsweise auch zur Kenntnis nehmen, dass nach diesem Anschlag, nach
diesem verbrecherischen Anschlag, eine Protestwelle durch das ganze Land ging, Sympathieerklärungen
den Juden gegenüber erfreulicherweise deutlich geworden sind, wie nie zuvor,
und dass beispielsweise der Thüringer Polizei ein großer Erfolg gelungen ist,
indem sie die mutmaßlichen Täter nach wenigen Tagen hinter Schloss und Riegel
gebracht haben. Das ist in anderen Ländern leider nicht gelungen. Und drum
wehre ich mich gegen so einseitige Darstellungen, wie Sie sie in Ihrem Beitrag
hier vorhin der Bevölkerung gezeigt haben.
Deshalb kommen Sie ja jetzt hier zu Wort.
Aber ich kann mich ja dagegen wehren,
Ja, natürlich, dafür sind Sie ja da.
.. dass eine so einseitige, einschließlich
des Datums, das Sie genannt haben, hat in diesem Bericht eben nahezu nichts
gestimmt.
Wir werden das prüfen. Nächste Woche
findet eine Sondersitzung des Parlaments zum Brandanschlag statt. Werden Sie
diesmal die gemeinsame Erklärung mit SPD und PDS gegen den Rechtsextremismus
unterstützen?
Ich bin ganz sicher, dass die
Mehrheitsfraktion des Landtages einen Erklärungsentwurf vorlegen wird. Wenn er
die Zustimmung der anderen Parteien findet, wird es eine gemeinsame Erklärung
geben. Man wird sich darum bemühen, aber ob es dazu kommt, werden wir nicht am
Anfang, sondern am Ende der Debatte wissen.
Vielen Dank, Herr Vogel, dass Sie hier
Stellung genommen haben.