Rechtsradikale: Tummelplatz Thüringen Wo
die nationale Musik spielt Der Anschlag auf die Erfurter Synagoge ist
aufgeklärt – was sonst in der Neonazi-Szene des Bundeslandes passiert, wird
offiziell lieber verharmlost / Von Jens Schneider
Erfurt, 2. Mai – Na was, soll er vielleicht vor Angst
zittern? Nein, dann wäre der Dreck ja nicht auszuhalten. Wolfgang Nossen ist
ein kraftvoller Mann, der in seinem Leben eine Menge gesehen hat. Und dabei
gelernt hat, dass eklige Zumutungen zwar nicht besser werden, wenn er über sie
lacht, aber erträglicher. „Ich will mich ja nicht selber in ‘ne Psychose
reden“, sagt der 69-Jährige lächelnd. Und dann erzählt er noch so eine grausige
Geschichte, die er mit fröhlichem Spott durchsetzt. Diesmal erinnert er an den
Besuch von Thomas D., eines in Thüringen bekannten Neonazis. Er kam damals mit
drei Kameraden zur Erfurter Synagoge und wollte Schweinekopfhälften
überreichen. Damit der Rechtsextreme nicht dachte, Nossen würde sich hinter der
Gardine verstecken, ging der wuchtige Mann raus. „Ich habe mit denen so‘n
richtig harmonisches Gespräch geführt“, sagt Nossen.
Der Mann mit der bunten Krawatte, der
braunen Lederweste und den breiten Hosenträgern fügt lächelnd hinzu, was der
Neonazi bei der Vernehmung der Polizei zu Protokoll gab: So‘was kaltblütiges
wie diesen Juden habe er noch nicht gesehen. Einen wie den könnte er in den
eigenen Reihen brauchen. Das Kompliment hat bei Nossen keinen Stolz ausgelöst,
aber seine Absurdität findet er bemerkenswert. Wolfgang Nossen ist Vorsitzender
der Jüdischen Gemeinde in einem Land, das eigentlich keine Probleme hat.
„Was heißt da klein?
So klingt es zumindest, wenn der stets
zuversichtlich lächelnde CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel jetzt vor
Schnellschüssen und Aufgeregtheit warnt. Kurz vor Ostern haben
Rechtsextremisten zwei Brandsätze auf die Erfurter Synagoge geschleudert. Die
Molotow-Cocktails richteten wenig Schaden an, die jugendlichen Täter wurden
gefasst – was vor allem daran liegt, dass sie sich dümmer anstellten, als es
die Thüringer Polizei erlaubt. Einer hatte seine Fingerabdrücke auf dem
Bekennerschreiben hinterlassen. Die Täter sind offenkundig fest in rechte
Organisationen eingebunden. Regierungschef Vogel sprach von einer
verabscheuungswürdigen Tat. Er gehe jedoch davon aus, dass es sich um das
Verbrechen einer kleinen irregeleiteten Minderheit handle.
Wolfgang Nossen findet das nicht
beruhigend: „Was heißt denn klein? Außerdem wäre es ihm egal, ob die Synagoge „von einem Einzeltäter abgebrannt
wird oder von einer ganzen Kompanie“. Er braucht eine Weile, um die Serie von
Belästigungen aufzuzählen, die er in Erfurt erlebt hat. Nossen stammt aus
Breslau. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er kurze Zeit in Erfurt zur Schule,
bevor er Deutschland verließ, um für die Gründung des Staates Israel zu
kämpfen. Dreißig Jahre blieb er in Israel. Nach der Wende entdeckte er in
Erfurt eine Jugendliebe neu und blieb, seit 1995 führt er die jüdische
Gemeinde. Als er noch in der Einliegerwohnung der Synagoge lebte, gab er in
sein Telefon vor dem Schlafengehen immer die Nummer der Polizei ein. Damit er
nicht Licht machen musste, wenn Rechte unten frech in die Überwachungskameras
glotzten und Nazilieder gröhlten.
Unter dem großen Teppich
Manchmal kam die Polizei schnell, manchmal
ein bisschen lahm. Fast immer sind die Täter davongekommen. Nach zwei Monaten
teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass die Ermittlungen eingestellt sind. „Das
ermüdet “, bekennt Nossen, der sich zudem ein wenig veräppelt fühlt, wenn sich
in ihren Schreiben ausgerechnet die Ermittler erkundigen, ob er neue Erkenntnisse
habe. „Die Rechten werden immer frecher“, sagt er nun und fürchtet, dass die
Landesregierung schnell „wieder den großen Teppich ausrollt und alles drunter
kehrt“. Dabei haben ihn die letzten Tage Hoffnung schöpfen lassen, weil die
Erfurter eine „neue Qualität der Anteilnahme gezeigt haben. Mehr als 300 Erfurter kamen zur Menschenkette um
die Synagoge. Für eine Stadt mit 200 000 Einwohnern ist das nicht wirklich
viel, für Erfurt aber doch.
Nossen erinnert sich an vergangene Jahre,
wenn zum Jahrestag der Pogromnacht einen Schweigemarsch zur Synagoge führte. Da
fanden sich nur versprengte Linke ein. Und als die stolzen Bürger ihn besorgt
fragten, wie er sich fühle, wenn bunte Chaoten zu ihm kommen, fragte er: „Wo
sind Sie denn, die Demokraten?“ Diesmal reihten sich Prominente wie
Oberbürgermeister Manfred Ruge von der CDU und namhafte Landtagsabgeordnete von
PDS und SPD ein. Nur von der christdemokratischen Landesregierung kam niemand.
Sie will nicht wahr haben, dass sich im putzigen Thüringen eine besonders
virulente rechte Szene ausbreitet. Auch nach dem Brandanschlag auf die Synagoge
hält der Sprecher von Innenminister Christian Köckert es für erwiesen, dass die
Linke das Problem hoch rede, um daraus politisch Kapital zu schlagen.
Dabei haben kundige Beobachter wie Bernd
Wagner vom Berliner „Zentrum für demokratische Kultur“ schon vor einiger Zeit
gewarnt, dass in Thüringen die rechte Gefahr verniedlicht werde. Im vergangenen
Jahr verzeichnete Thüringen als einziges Ost-Land einen deutlichen Zuwachs bei
Gewalttaten mit erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremistischen
Hintergrund. Unterdes konzentrierte die NPD sich bei Aufmärschen auf Thüringen.
Stolz marschierten Hunderte Kurzgeschorene aus dem Umfeld der NPD im Februar
durch Gera und Wochen später durch die puppenstubenschönen Gassen Erfurts.
„Deutsche Mädel und Jungen aus allen Teilen des Reiches sind gekommen“, teilte
die Partei hernach mit.
Die Landeshauptstadt gilt dabei als
vergleichsweise harmlos, weil sich keine festen politischen Strukturen
entwickelt haben, wie es sie vor allem in Süd- und Ostthüringen gibt. In Erfurt
fällt eher die dumpfe Aggressivität rechter Gangs auf. Im vergangenen Jahr
fürchtete die Stadt um ihren Ruf, als ein japanischer Dozent von Glatzköpfen
überfallen wurde und auf eine Attacke gegen eine Kollegin aus seiner Heimat
aufmerksam machte. Der Einzelfall, der Schlagzeilen machte, ist indes keiner –
auch in Erfurt verzichten manche Ausländer längst darauf, spät abends
auszugehen. Zu Ostern wurde ein Türke in der Stadt überfallen.
Wie dominant rechte Gesinnung in
Schülerkreisen sein kann, erlebte ein Ensemble des Schauspielhauses bei
Aufführungen des Tagebuchs der Anne Frank. Nur unter großer Mühe konnten sie
das Stück zu Ende bringen. Ständig wurden sie von antisemitischen Zwischenrufen
und hämischem Lachen der Schüler aus dem Konzept gebracht. Lehrer saßen dabei,
ohne einzuschreiten.
Nacht der Schläger
Der Rechtsextremismus hat viele Gesichter.
Eine knappe Autostunde östlich der Hauptstadt gelegen, steht Jena im Ruf, eine
besonders lebendige Stadt zu sein. Hinter dem Johannistor in der Fußgängerzone
geht es links hinein zur „Jungen Gemeinde Stadtmitte“. Zu DDR-Zeiten trafen
sich hier kirchennahe Jugendliche, die ins Fadenkreuz der Stasi gerieten. Heute
zieht der Treff vor allem junge Linke mit grellbuntem Outfit an – für die
Rechten geborene Gegner. Jugendpfarrer Lothar König, ein Mann mit grauem
Zottelbart, stellt uns Norman vor. Der 20-Jährige hat den Zivildienst
absolviert und will demnächst studieren, vielleicht Geschichte. Nichts an dem
schwarzhaarigen Jungen, den König als einen der besten Fußballer der Gemeinde
vorstellt, ist besonders auffällig. „Vielleicht waren es meine bunten
Schnürsenkel“, sagt er.
Vielleicht wussten die rechten Schläger
auch, dass er und sein 16-jähriger Bruder zur Jungen Gemeinde gehören. Als sie
unlängst gegen Mitternacht heimfuhren – mit dem Auto, Straßenbahn wäre zu
gefährlich – lauerten ihnen zehn Burschen mit Springerstiefeln auf. Die Täter
sagten kein Wort, schlugen sofort los. Ostermontag traf es ein Mädchen und
einen Jungen, 16 und 17 Jahre alt. „Du siehst aus, als ob du noch nie eins in
die Fresse gekriegt hast“, brüllten breitschultrige Skins den Jungen an, sie
waren plötzlich aus einem schwarzen BMW gesprungen. Sie prügelten auf den
Jungen ein und ließen erst ab, als sie fürchteten, dass sich Polizei nähert. Im
Weggehen wurde das Mädchen gewarnt: Kein Wort solle sie der Polizei sagen, sie
sei bereits registriert: „Wir kennen Dich!“ In langen Gesprächen überredeten
Mitarbeiter der Jungen Gemeinde das verängstigte Mädchen Anzeige zu erstatten.
In der Polizei-Kartei erkannte sie einen stadtbekannten rechten Schläger. Jena
sei lange eine Oase gewesen, meint Pfarrer König. Doch seit ein paar Monaten versuchten
die Rechten, die Straßen zu dominieren.
Weiter geht die Reise, mit einem Umweg
über das Internet, wo Thüringens rechte Szene sich vernetzt – für jeden
zugänglich. Da rühmt sich auf seiner Hompage der „Thüringer Heimatschutz“ aus
Gera als Elite der rechten Szene. Laut Verfassungsschutzbericht ragt die Gruppe
mit 120 Mitgliedern, plus Sympathisanten (Stand 1998) aus dem Neonazi-Spektrum
heraus. Als Wehrsportgruppe präsentieren sich auf einem Foto sechs martialisch
gekleidete Männer stolz vor einem Jeep. Zu
ihren „unabdingbaren Arbeitsvoraussetzungen“ gehöre die „sportliche
Verfassung“, sie distanzieren sich vom „Dosenbiergermanentum“.
Man kann im rechten Sumpf surfen.
Aufschlussreich ist die Seite der auch überregional agierenden Organisation
„Blood and honour“, wo nach Sälen für Konzerte gesucht wird. Fast an jedem
Wochenende liefert sich vor allem in Ostdeutschland die rechte Szene vor
illegalen Skinheadkonzerten Schnitzeljagden mit der Polizei. Über zahlreiche
Irr- und Umwege werden Anhänger von Bands mit Namen wie „Reichsfront“ oder
„Blutorden“ in Autokonvois zu den Konzertsälen gelenkt. Die Gastwirte ahnen oft
nicht, worauf sie sich eingelassen haben, weil bei ihnen ein Faschingsfest oder
eine Verlobungsparty angemeldet wurde. Die Internet-Seite ist mit einem
eindringlichen Hinweis versehen: Bis zum
letzten Augenblick soll der Konzertort geheim bleiben. Wer einen Gastwirt an
der Angel hat, soll die Adresse an ein Postfach in Gera melden, ansonsten
schweigen. Wie einträglich das Geschäft mit rechter Musik ist, macht schon die
Prämie, die für eine Saal-Vermittlung geboten wird: „50 Mark pro hundert Mann,
500 bei 1000 Mann. “ Neben dem Eintritt bringt offenbar vor allem der
CD-Verkauf das Geld. Martialisch wird vor Raubpressungen gewarnt: Szeneverräter
würden „entfernt, ohne wenn und aber“.
Auch die NPD wirbt aus Gera um Mitglieder,
und eine „Kameradschaft Gera“: Sie veröffentlichte Mitte April im Internet eine
Art Steckbrief von einem ihrer Gegner, vorgestellt wurde mit Fotos und kleinem
Begleittext der DGB-Gewerkschaftssekretär Sirko Matz aus Gera. Der Facharbeiter
für Anlagentechnik falle „seit längerem negativ“ auf, wurden NPD-Sympathisanten
informiert. „Aus juristischen Gründen“ fügten die Rechten hinzu, dies sei kein
Aufruf zur Gewalt.
Ausflüge ins KZ
Der 31 Jahre alte Matz gibt sich gelassen.
„Ich weiß auch nicht, wie ich zu dieser Ehre komme“, sagt er. Eigentlich
kümmere er sich gar nicht vordringlich um die Rechten, in Thüringen könne ein
Beschäftigter des DGB das Feld aber gar nicht umgehen. Nicht nur nach seiner
Einschätzung haben die Rechten Gera zu einem Schwerpunkt gemacht. Eigentlich
regelmäßig gebe es Attacken gegen „Punks und alles, was in deren Feindbild
passt, wohl ein bis zweimal pro Woche.“ In Gera taucht häufig der Begriff der
„national befreiten Zone“ etwa auf Aufklebern auf. Der Ausdruck steht für den
Versuch, rechte Dominanz so auszuüben, dass Punks, Linke und Ausländer sich aus
Stadtteilen zurückziehen.
Letzte Station: Buchenwald. In der
Gedenkstätte im früheren Konzentrationslager bei Weimar hat es seit Ende der
DDR stets rechtsextreme Provokationen gegeben. Seit einigen Monaten aber
beobachtet die Direktion eine neue Qualität. Immer häufiger wählen Neonazis das
KZ als Wallfahrtsort. „Sie machen deutlich, dass sie sich mit der brutalen Tat
der SS identifizieren“, sagt Rikola-Gunnar Lüttgenau, der stellvertretende Direktor.
Jungnazis treten in Marschformation an. Sie heben vor den Verbrennungsöfen die
Hand zum Hitlergruß, schreiben ihre Bekenntnisse ins Gästebuch – so häufig,
dass schon erwogen wurde, die Gästebücher abzuschaffen. Nicht alle kommen aus
Thüringen. Lüttgenau erwähnt einen 16-jährigen Brandenburger, der in Buchenwald
am Krematorium urinierte. Seine Kameraden hatten ihm den Ausflug zum Geburtstag
geschenkt.